Weitgehend unstrukturiertes rechtsextremistisches Personenpotenzial
Dem weitgehend unstrukturierten rechtsextremistischen Personenpotenzial werden Personen zugerechnet, die den subkulturell geprägten Teil der rechtsextremistischen Szene bilden, der auf die Ausbildung fester Strukturen üblicherweise verzichtet. Dieser Teil der Szene bildet das mit Abstand größte Personenpotenzial des Rechtsextremismus; in Sachsen-Anhalt sind ihm circa 900 Personen zuzurechnen. Diese treten meist in kleinen, regional agierenden Personenzusammenschlüssen oder in rein virtuellen Gruppen auf. Die Szene definiert sich vor allem über szenetypische Musik und den damit verbundenen Lebensstil. Ihr Auftreten passt sich dabei aktuellen Trends und auch der Altersstruktur des Personenpotenzials an. So hat sich in den letzten Jahren vor allem auch der Kampfsport als zunehmendes Aktionsfeld herausgestellt.
Die der subkulturell geprägten rechtsextremistischen Szene zuzuordnenden Personen verfügen in aller Regel nicht über ein in sich geschlossenes Weltbild, sondern werden von einzelnen rechtsextremistischen Einstellungen und Argumentationsmustern beeinflusst und geprägt. Als Kernfelder dienen hier vor allem Rassismus und Antisemitismus, untersetzt mit einer Gewaltaffinität, die sich wiederum insbesondere gegen Minderheiten und aus ihrer Sicht Andersdenkende richtet. Gewalt und Gewaltbereitschaft waren schon immer ein wesentliches Kennzeichen dieser Szene. Im Zuge der zu beobachtenden Verjüngung der Szene ist zudem eine Zunahme der aktionsorientierten Motivation zu verzeichnen, da gerade bei jüngeren Szeneangehörigen Aktivitäten mit „Erlebnischarakter“ im Vordergrund stehen, die auch in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden.
Gewaltbereite rechtsextremistische Jugendgruppen
Aktuell beobachtet der Verfassungsschutz eine Verjüngung der weitgehend unstrukturierten rechtsextremistischen Szene und eine Zunahme der aktionsorientierten Motivation der in diesem Spektrum agierenden Gruppen und Personen. Seit dem Jahr 2024 sind sowohl in Sachsen-Anhalt als auch bundesweit Gruppierungen mit zum Teil sehr jungen, aktionsorientierten und internetaffinen Personen in Erscheinung getreten, die sich insbesondere über die sozialen Medien vernetzten und so einen niedrigschwelligen Einstieg in die rechtsextremistische Szene fanden.
„Jung & Stark“ (JS), „Deutsche Jugend Voran“ (DJV) und „Deutsche Jugend Zuerst“ (DJZ)
Einigen dieser Gruppierungen gelang es innerhalb kürzester Zeit, eine beachtliche Zahl von Mitgliedern zu erreichen und diese zur Teilnahme an Veranstaltungen sowie bisweilen zu Gewalttaten zu bewegen. Sie firmieren beispielsweise unter den Namen „Jung & Stark“ (JS), „Deutsche Jugend voran“ (DJV) oder „Deutsche Jugend Zuerst Halle (Saale)“ (DJZ). Gruppen wie JS, DJV und DJZ setzen sich vor allem aus jungen, häufig minderjährigen Menschen zusammen, die zuvor oftmals noch nicht in der rechtsextremistischen Szene in Erscheinung getreten waren. Für ihre Agitation und Mobilisierung bedienen sich diese Personenzusammenschlüsse vornehmlich klassischer rechtsextremistischer Feindbilder wie die LGBTQ+-Bewegung.
In Sachsen-Anhalt ist diese Art von rechtsextremistischen Jugendgruppen bislang überwiegend mit Aktionen gegen Veranstaltungen im Rahmen des Christopher Street Day öffentlich in Erscheinung getreten. Der Verfassungsschutz beziffert das Personenpotenzial in Sachsen-Anhalt aktuell auf knapp 300 Personen.
Das hohe Gewaltpotenzial einiger dieser Gruppen lässt sich am Beispiel des am 14. Dezember 2024 in Berlin erfolgten Angriffs mehrerer Jugendlicher aus Halle (Saale) auf mehrere SPD-Mitglieder, die zuvor einen Infostand der Partei betreut hatten, verdeutlichen. Die Tatverdächtigen waren der Verfassungsschutzbehörde zuvor nicht bekannt. Vier Personen wurden für diese Tat vom Amtsgericht Berlin-Tiergarten zu mehrjährigen Jugendstrafen verurteilt. Am 20. Dezember 2025 stürmten mutmaßliche Mitglieder der Gruppierung eine Bar in Halle (Saale) und zerschlugen dort mit Baseballschlägern das Inventar. Danach verfolgte die Gruppe einen aus dem Ausland stammenden Servicemitarbeiter der Bar durch die Innenstadt und verletzten diesen mit Schlägen und Tritten bis dieser das Bewusstsein verlor. Einer der Tatverdächtigen war bereits an dem Angriff in Berlin beteiligt.
„Pedo Hunting“
Pädophile sind seit langem ein Feindbild von Rechtsextremisten; dieses Feindbildlässt sich nahezu in allen rechtsextremistischen Strömungen finden. Vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Konsenses zum Thema Kindeswohl und der sozialen Ächtung von pädophil veranlagten Menschen versuchen Rechtsextremisten, mit der Vereinnahmung des Agitationsfeldes Pädophilie in die Mitte der Gesellschaft hineinzuwirken. Bereits in der Vergangenheit wurde das Thema von der rechtextremistischen Szene u. a. mit dem Slogan „Todesstrafe für Kinderschänder“ aufgegriffen. Aktuell wird das Thema nun – wie im Fall der „Pedo Hunters“ – von einer sich verjüngenden und aktionsorientierten rechtsextremistischen Szene aufgegriffen.
Der Verfassungsschutz beobachtete im Jahr 2024 vermehrt Aktivitäten von in kleinen Gruppen agierenden Jugendlichen, die sich selbst als „Pedo Hunters“ bezeichnen. Diese Gruppen gehen mit Outing-Aktionen oder Beleidigungen und Bedrohungen im virtuellen Raum gegen vermeintliche Pädophile vor und begehen dabei zum Teil auch Straftaten. So kam es am 14. September 2024 in Ilsenburg (Landkreis Harz) zu einer gefährlichen Körperverletzung. Hier soll eine Gruppe von zum Teil minderjährigen Personen zwei aus ihrer Sicht pädophile Männer gezielt auf ein abgelegenes Grundstück gelockt und dort zusammengeschlagen und die Tat zudem gefilmt und verbreitet haben.
Rechtsextremisten und Kampfsport
Die Verfassungsschutzbehörde hat in den zurückliegenden Jahren ein gesteigertes Interesse am Kampfsport innerhalb der rechtsextremistischen Szene beobachten können. Gemeinsame Kampfsporttrainings und die kollektive Unterstützung von Kampfsportlern aus der rechtsextremistischen Szene bei nicht extremistischen Wettbewerben können als Ausdruck einer erlebnisorientierten Szenekultur betrachtet werden, die gerade auf Jugendliche und Heranwachsende anziehend wirkt. Die Entwicklung folgt dabei zum einen der Faszination der Szene für Kampf und Männlichkeit, aber auch der in Teilen der jüngeren rechtsextremistischen Szene populärer werdenden Hingabe zu einer gesunden Lebensweise und sportlichen Ertüchtigung, die mit der völkischen Idealvorstellung von einem „gesunden Volkskörper“ begründet wird.
Der Verfassungsschutzbehörde bekannte Rechtsextremisten führen wiederkehrend Kampfsporttrainings in kleineren Gruppen durch, die in der Regel konspirativ geplant und für die Öffentlichkeit nicht feststellbar sind. Gerade in solchen Trainings steht indes nicht der sportliche Charakter im Vordergrund, sondern eher die Vorbereitung auf einen möglichen Straßenkampf. Rechtsextremistisch geprägte oder von Rechtsextremisten gezielt unterwanderte Kampfsportschulen sind der Verfassungsschutzbehörde bislang nicht bekannt geworden.
Ein relativ neues Phänomen der rechtsextremistischen Kampfsportszene in Deutschland ist die Herausbildung von sogenannten „Active Clubs“ (AC). Diese allgemeine Bezeichnung steht für eine Art von eigentlich unpolitischen und unabhängigen lokalen Fitness- und Freizeitvereinen, die sich in der Regel auf sportliche Aktivitäten und Gemeinschaftserlebnisse konzentrieren. In Europa wurden seit etwa 2023 und in Deutschland seit Anfang 2024 vermehrt erste Versuche einer Etablierung des Phänomens rechtsextremistischer ACs festgestellt.
Rechtsextremistische Gruppen missbrauchen das AC-Konzept, um mit sportlichen Aktivitäten (z. B. organisierte Kampfsporttrainings, Wanderungen und gemeinschaftliche Veranstaltungen) neue Mitglieder zu rekrutieren und ihre verfassungsfeindliche Ideologie zu verbreiten. Hierfür werden Einzelpersonen im Rahmen eines offenen Netzwerkansatzes dazu ermutigt, eigene lokale Gruppen zu gründen und selbständig zu betreiben. Der Verfassungsschutzbehörde wurden im Berichtszeitraum Hinweise in den sozialen Netzwerken zu einem mutmaßlichen „Active Club Südharz“ und einem möglichen AC mit der Bezeichnung „Active Club District 901“ im Raum Lutherstadt Wittenberg bekannt. Realweltliche Aktivitäten oder eine anderweitige Resonanz in der örtlichen rechtsextremistischen Kampfsportszene konnten bislang nicht festgestellt werden.
Rechtsextremistische Musikszene
Rechtsextremistische Musik hat aufgrund ihrer identitätsstiftenden Funktion nach wie vor eine zentrale Bedeutung für die Szene. Rechtsextremisten nutzen die Musik als ein Lockmittel, um Jugendliche oder junge Erwachsene an ihre Ideologie heranzuführen. Die Protagonisten vermitteln offen oder unterschwellig durch die Liedinhalte und ihre Selbstdarstellung rechtsextremistische Feindbilder und nationalistische, fremdenfeindliche, antisemitische und antidemokratische Ideen. In der Szene einschlägig bekannte Musikgruppen aus Sachsen-Anhalt sind z. B. die Bands „Stahlkappenglanz“ (Salzlandkreis/Landkreis Mansfeld-Südharz) und „Kraftschlag“ (Weißenfels, Burgenlandkreis). Insgesamt sind in Sachsen-Anhalt insgesamt 21 rechtsextremistische Musikgruppen und sieben Liedermacher bekannt.
Im bundesweiten Vergleich ist Sachsen-Anhalt besonders bei der Anzahl von rechtsextremistischen Liederabenden und sonstigen Musikveranstaltungen mit Darbietung von Live-Musik stets im oberen Drittel zu verorten. Die Zahl der Musikveranstaltungen ist in Sachsen-Anhalt seit Jahren konstant hoch.
| Rechtsextremistische Musikveranstaltungen | 2022 | 2023 | 2024 |
|---|---|---|---|
| Konzerte | 6 | 10 | 4 |
| Liederabende | 13 | 26 | 17 |
| Sonstige | 26 | 20 | 18 |
| Gesamt | 45 | 56 | 39 |
Rechtsextremisten und die Rockerszene
Teile der rechtsextremistischen Szene unterhalten Verbindungen zum Rockermilieu, die auch in Sachsen-Anhalt sichtbar sind. In diesem Zusammenhang ist insbesondere die Rockergruppierung „MC Division 39 Magdeburg“ zu nennen. Die Rockergruppierung wies bereits bei ihrer Gründung eine überdurchschnittlich hohe Anzahl an bekannten Rechtsextremisten der örtlichen Szene auf und trat in den Folgejahren vereinzelt wiederkehrend in Erscheinung. Dass die Gruppierung eindeutig rechtsextremistisch geprägt ist, zeigte sich besonders deutlich bei ihrer Beteiligung an der für den 21. September 2020 in Magdeburg geplanten Ausrichtung der rechtsextremistischen Kampfsportveranstaltung „Kampf der Nibelungen“, für die die „MC Division 39 Magdeburg“ ihr Klubhaus bereitstellte.
Neben den Verbindungen von Rechtsextremisten in die Rockerszene stellt die Verfassungsschutzbehörde seit geraumer Zeit auch rechtsextremistische Gruppierungen fest, welche die Strukturen und Erscheinungsformen von Rockern adaptieren. Als Beispiel ist hier die rechtsextremistische Gruppierung „Brigade 8 – Mittel/Elbe“ zu nennen, deren Mitglieder bei rechtsextremistischen Veranstaltungen mit entsprechenden „Kutten“ in Erscheinung treten und dadurch leicht zu identifizieren sind. Der Gruppierung werden bekannte Rechtsextremisten zugerechnet, die – den Strukturen der Rockerszene folgend – als so genannte Mitglieder, Anwärter oder Unterstützer geführt werden.





