Teil 4: Gewaltbereite rechtsextremistische Jugendgruppen
Aktuell beobachtet der Verfassungsschutz eine Verjüngung der weitgehend unstrukturierten rechtsextremistischen Szene und eine Zunahme der aktionsorientierten Motivation der in diesem Spektrum agierenden Gruppen und Personen. Seit dem Jahr 2024 sind sowohl in Sachsen-Anhalt als auch bundesweit Gruppierungen mit zum Teil sehr jungen, aktionsorientierten und internetaffinen Personen in Erscheinung getreten, die sich insbesondere über die sozialen Medien vernetzten und so einen niedrigschwelligen Einstieg in die rechtsextremistische Szene fanden.
„Jung & Stark“ (JS), „Deutsche Jugend Voran“ (DJV) und „Deutsche Jugend Zuerst“ (DJZ)
Einigen dieser Gruppierungen gelang es innerhalb kürzester Zeit, eine beachtliche Zahl von Mitgliedern zu erreichen und diese zur Teilnahme an Veranstaltungen sowie bisweilen zu Gewalttaten zu bewegen. Sie firmieren beispielsweise unter den Namen „Jung & Stark“ (JS), „Deutsche Jugend voran“ (DJV) oder „Deutsche Jugend Zuerst Halle (Saale)“ (DJZ). Gruppen wie JS, DJV und DJZ setzen sich vor allem aus jungen, häufig minderjährigen Menschen zusammen, die zuvor oftmals noch nicht in der rechtsextremistischen Szene in Erscheinung getreten waren. Für ihre Agitation und Mobilisierung bedienen sich diese Personenzusammenschlüsse vornehmlich klassischer rechtsextremistischer Feindbilder wie die LGBTQ+-Bewegung.
In Sachsen-Anhalt ist diese Art von rechtsextremistischen Jugendgruppen bislang überwiegend mit Aktionen gegen Veranstaltungen im Rahmen des Christopher Street Day öffentlich in Erscheinung getreten. Der Verfassungsschutz beziffert das Personenpotenzial in Sachsen-Anhalt aktuell auf knapp 300 Personen.
Das hohe Gewaltpotenzial einiger dieser Gruppen lässt sich am Beispiel des am 14. Dezember 2024 in Berlin erfolgten Angriffs mehrerer Jugendlicher aus Halle (Saale) auf mehrere SPD-Mitglieder, die zuvor einen Infostand der Partei betreut hatten, verdeutlichen. Die Tatverdächtigen waren der Verfassungsschutzbehörde zuvor nicht bekannt. Vier Personen wurden für diese Tat vom Amtsgericht Berlin-Tiergarten zu mehrjährigen Jugendstrafen verurteilt. Am 20. Dezember 2025 stürmten mutmaßliche Mitglieder der Gruppierung eine Bar in Halle (Saale) und zerschlugen dort mit Baseballschlägern das Inventar. Danach verfolgte die Gruppe einen aus dem Ausland stammenden Servicemitarbeiter der Bar durch die Innenstadt und verletzten diesen mit Schlägen und Tritten bis dieser das Bewusstsein verlor. Einer der Tatverdächtigen war bereits an dem Angriff in Berlin beteiligt.
„Pedo Hunting“
Pädophile sind seit langem ein Feindbild von Rechtsextremisten; dieses Feindbildlässt sich nahezu in allen rechtsextremistischen Strömungen finden. Vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Konsenses zum Thema Kindeswohl und der sozialen Ächtung von pädophil veranlagten Menschen versuchen Rechtsextremisten, mit der Vereinnahmung des Agitationsfeldes Pädophilie in die Mitte der Gesellschaft hineinzuwirken. Bereits in der Vergangenheit wurde das Thema von der rechtextremistischen Szene u. a. mit dem Slogan „Todesstrafe für Kinderschänder“ aufgegriffen. Aktuell wird das Thema nun – wie im Fall der „Pedo Hunters“ – von einer sich verjüngenden und aktionsorientierten rechtsextremistischen Szene aufgegriffen.
Der Verfassungsschutz beobachtete im Jahr 2024 vermehrt Aktivitäten von in kleinen Gruppen agierenden Jugendlichen, die sich selbst als „Pedo Hunters“ bezeichnen. Diese Gruppen gehen mit Outing-Aktionen oder Beleidigungen und Bedrohungen im virtuellen Raum gegen vermeintliche Pädophile vor und begehen dabei zum Teil auch Straftaten. So kam es am 14. September 2024 in Ilsenburg (Landkreis Harz) zu einer gefährlichen Körperverletzung. Hier soll eine Gruppe von zum Teil minderjährigen Personen zwei aus ihrer Sicht pädophile Männer gezielt auf ein abgelegenes Grundstück gelockt und dort zusammengeschlagen und die Tat zudem gefilmt und verbreitet haben.





